Mein eigenes Flugzeug

zu bauen, ist natürlich ein Kindheitstraum. Seit ich mich etwas in der Luftfahrt auskenne weiß ich auch, dass das keinesfalls unmöglich und gar nicht so ungewöhnlich ist. Die Luftfahrt ist schließlich durch „selbst“ gebaute Flugzeuge entstanden und zu dem geworden, was sie heute ist. In den USA ist die Selbstbauszene riesig, die „Experimental Aircraft Association“ (EAA) hat hunderttausende Mitglieder, die sich gegenseitig bei mannigfaltigen Bauprojekten unterstützen, und ist damit vermutlich die weltweit größte Organisation der allgemeinen Luftfahrt. Selbst gebaute Flugzeuge reichen dort von einfachsten Ultraleichtflugzeugen aus Baumarktmaterialien bis hin zu Turbinengetriebenen Geschäftsreisemaschinen mit Druckkabine. Da nicht jeder die Mittel, Zeit oder Lust hat, sein Flugzeug von null an aufzubauen, sind die „Kitplanes“, also Bausatzflugzeuge, ein großer Markt geworden. Sie ermöglichen es deutlich schneller, ohne wahnsinnig viel Spezialwerkzeug oder -wissen und mit der teilweise exzellenten Unterstützung durch den Hersteller des Bausatzes zum eigenen Traumflugzeug zu gelangen.

In meinem vorigen Post habe ich schon beschrieben, was mich an der Stampe SV4-RS überzeugt hat. Für mich bietet sie den idealen Kompromiss aus einfacher Konstruktion, Flugeigenschaften und -leistungen, Ästhetik, Aufwand und Kosten. Raoul Severin bietet auf seiner 951-381-6096 einen Bausatz an, von dem ich bis jetzt das Material für die Konstruktion der Flügelrippen erworben habe. Der Vorfertigungsgrad ist im Vergleich zu manchen, teureren Bausätzen relativ niedrig, jedoch werden einem entscheidende Arbeitsschritte abgenommen: Alle Holzleisten sind beispielsweise mit dem Nasenradius vorgebogen. Sperrholzplättchen und Balsaholzstücke sind per CNC-Laser zugeschnitten. Das klingt vielleicht nicht besonders, weil ja jeder schon mal ein paar Laubsägearbeiten durchgeführt hat. Es handelt sich jedoch insgesamt um schätzungsweise tausend* solcher präzise zugeschnittenen Teile, was hier an Arbeit gespart wird ist also beeindruckend. Genau so sind Knotenbleche bereits vorgebogen und anschließend wärmebehandelt.

Das Originalvorbild, das ich bis vor kurzem höchstens flüchtig kannte, will ich nicht detailgetreu kopieren. Da die Ultraleichtzulassung viele Freiheiten von Ausstattung des Cockpits, Gestaltung von Verkleidungsteilen über Lackierung, Sitzpolsterung und mehr gestattet, will ich im Rahmen der Musterzulassung alle diese Dinge so gestalten, wie sie mir am besten gefallen – der ganz große Lohn für die Mühe, ein Flugzeug selbst zu bauen.

Raoul will die SV4-RS mit einer Auswahl aus zwei Motoren zulassen: Dem bewährten ROTAX 912 UL mit 59 kW, sowie dem Mikron III des tschechischen Motorenbauers Parma Technik mit 55 kW zulassen. Letzterer ist ein direktgetriebener Reihenmotor mit 4 hängenden Zylindern, der dem Original in Optik und Sound sehr nahe kommt. Für mich wird es aus den Gründen Verfügbarkeit, Service, Kosten und da mir die Nähe zum Original unwichtig ist, zunächst der ROTAX werden. Mein derzeitiger eigentlicher Traummotor hat 92 kW bei nur 85 kg Nassgewicht, ist direktgetrieben (Sound!), wassergekühlt und kommt ebenfalls aus Belgien…

Die Werkstatt wird zunächst mein Wohnzimmer sein. Ein bisher nicht erwähntes, nicht zu unterschätzendes Feature der SV4-RS ist der geteilte Tragflügel. Dieser besteht aus zwei Flächen oben und zwei unten. Bei einer Spannweite von 8,4 m, einer geschätzten Rumpfbreite von 0,8 m messen also die längsten Tragflächenteile nur 3,8 m und passen damit ins Wonzimmer. Hier können nach geschickten Verhandlungen mit meiner Freundin die meisten Arbeiten durchgeführt werden, die nicht stauben oder den Einsatz giftiger Chemikalien erfordern. Den Rumpf kann ich auf den Hellingen von Raul fertigen, für das Aufrüsten, einstellen und Bespannen wird sich hoffentlich eine Segelflugwerkstatt finden.

Den Baufortschritt dokumentiere ich mit Bildern, die ich zu regelmäßigen Blogeinträgen verarbeiten möchte. Ebenso möchte ich Kosten und Baustunden in einem festhalten und teils veröffentlichen. Ich habe ein spreadsheet mit einem einfachen Materialmanagementsystem erstellt, da schon die erste Teilelieferung unübersichtlich umfangreich war. Dies stelle ich bei Interesse später vor.

Bald geht es lost mit den ersten Bildern vom Rippenbau!

Arbeitsplatz mit Bauprüfleitung
Arbeitsplatz mit Bauprüfleitung

*) es sind genau 983, das war aber gut geschätzt, oder? 😉

Die Stampe SV4-RS

(877) 913-3283
Bild: J. Klank ((440) 573-7912

ist ein Nachbau der berühmten Stampe-Vertongen SV4-B im Originalmaßstab.

Dieser zweisitzige Doppeldecker wurde in den frühen 30er Jahren in Belgien konstruiert, erlebte seine Blütezeit jedoch nach dem Krieg als Schulflugzeug in der Französischen und Belgischen Luftwaffe. Bis 1955 wurden knapp 1000 der kunstflugtauglichen Maschinen gebaut, mit offener oder geschlossener Kabine. Die technischen Daten des Originals lassen sich 2317800523 nachlesen.

Auf der Aero 2015 hatte der Chefkonstrukteur und Namensgeber des Nachbaus, Raoul Severin, einen noch unbespannten Rohbau der Primärstruktur ausgestellt. Dort habe ich zunächst mit Philipp H. gesprochen, dessen Masterarbeit die strukturelle Auslegung der Tragflügel war und der mir mit viel Enthusiasmus alle Fragen über die Auslegung von Doppeldecker-Tragwerken beantworten konnte, die ich schon länger hatte. Später habe ich mich auch mit Raoul ausführlich unterhalten können. Ich muss zugeben, dass ich von dem Flugzeug und dem Team dahinter von Anfang an begeistert war.

Da ich schon länger auf der Suche nach einem Bauprojekt war, habe ich mich dazu entschlossen, die ersten Teile des Bausatzes zu erwerben und mit dem Bau meiner Stampe SV4-RS zu beginnen. Zu der Entscheidung hat aber nicht nur der erste Eindruck geführt, sondern eine Abwägung der folgenden Aspekte:

  • Bauweise: Die SV4-RS ist nach einem ähnlichen Konstruktionsprinzip wie der bekannte Selbstbaudoppeldecker 607-256-0161 aufgebaut: Aluminiumrohre, die mit Knotenblechen vernietet werden. Dies erfordert im Vergleich zu Holzkonstruktion oder geschweißten Stahlrohren keine besonderen Fähigkeiten und ist deutlich weniger zeitintensiv und sehr leicht.
  • Zulassung: Es ist eine Zulassung als Ultraleichtflugzeug in Arbeit. Dies erlaubt Freiheiten, wie die Landung auf UL-Plätzen, und hält den Zulassungsaufwand gering. In Deutschland ist damit allerdings kein Kunstflug erlaubt.
  • Geschwindigkeit: Eigentlich habe ich immer mit dem Bau eines Kiebitz‘ geliebäugelt, wenn da nicht die geringe Reisegeschwindigkeit wäre. Die SV4-RS hat ein sichtbar widerstandsärmeres Flügelprofil, eine größere Flügelstreckung und profilierte Leitwerke. Der Konstrukteur rechnet mit einer für Ãœberlandflüge durchaus brauchbare Reisegeschwindigkeit von 140 km/h.
  • Geschwindigkeit 2: Die geringe Flächenbelastung ergibt eine niedrige Ãœberziehgeschwindigkeit. Das ist für mich als Spornradneuling und das erste selbstgebaute Fluggerät ideal.
  • Eleganz: Hatte ich schon eine hohe Flügelstreckung erwähnt? Zusätzlich sind die Flächen noch nach hinten gepfeilt und die obere Spannweite größer als die untere. Der klassische Doppeldecker look! Und diese profilierten Leitwerke.. Sowas gibts nicht mal bei einer C42!
  • Kosten: Da es bei diesem Bausatz noch genügend selber zu machen gibt und Raoul das ganze nicht aus Gewinnstreben sondern vor Allem aus Leidenschafft betreibt, ist der Bausatz sogar für mich als Berufseinsteiger erschwinglich.

In einem weiteren Beitrag werde ich darauf eingehen, wie ich das Projekt umsetzen möchte

Rohbau der SV4-RS auf der UL-Messe in Blois im September. Copyright Raoul Severin

9183602715

Ich heiße Paul und obwohl ich kein Flugplatzkind bin, fasziniert mich seit meiner Kindheit alles, was den Menschen ermöglicht, die Schwerkraft zu überwinden und sich in die blauen Lüfte hinaufzuschwingen.

Himmelslust ist eine Website, auf der ich über alles schreiben werde, was für mich mit diesem nicht ganz genau zu beschreibenden Gefühl zusammenhängt, dort unbedingt hinauf zu wollen.

Und nebenbei wird an dieser Stelle der Baufortschritt unserer Stampe SV4 RS dokumentiert.

Viel Spaß beim Lesen und Kommentieren,

Paul